MICHAEL BUTHE. Der Engel und sein Schatten
15. Februar – 1 Juni 2009

Rastloser Nomade, unbekümmerter Grenzgänger, charismatischer Selbstdarsteller – Michael Buthe (Sonthofen 1944–1994 Bonn) zählt zu den schillernden Künstlerpersönlichkeiten des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Seine Œuvre ist anarchisch und vielgestaltig: Es schöpft aus den Kulturen der Welt, jongliert mit Kitsch und Klischees, feiert Poesie und Spiritualität in einer technisierten Gegenwart.

Nun würdigt das Ernst Barlach Haus Hamburg den vierfachen documenta-Teilnehmer mit einer umfassenden Werkschau. Es ist eine der wenigen Einzelausstellungen seit Buthes Tod und die erste museale Präsentation seines Schaffens in Hamburg, wo Buthe bereits 1982 sein Environment Winterreise durch Westfalen in Halle 6 der Kampnagelfabrik präsentiert hatte. Im Zentrum der Ausstellung stehen Zeichnungen, Collagen und Objekte der 1960er und 70er Jahre, Werke, die nachvollziehbar werden lassen, wie sich Buthes Bildwelten motivisch verästeln und räumlich entfalten.

Seit 1970 pendelte Michael Buthe zwischen dem Rheinland und Marokko, bereiste den Maghreb und den Nahen Osten, Südeuropa und Schwarzafrika. Die Fremde faszinierte ihn, die archaische Kraft religiöser Rituale und magischer Praktiken, die lärmende Alltags- und Festkultur, die Opulenz orientalischer Farben und Ornamente. Die Begegnung mit außereuropäischen Kulturen förderte eine doppelte Grenzüberschreitung: Die Unterscheidung zwischen Orient und Okzident wurde für Buthe ebenso bedeutungslos wie die Trennung von Kunst und Leben. An ihre Stelle setzte der Künstler eine Utopie der Versöhnung – er gestaltete seinen eigenen west-östlichen Kosmos, ein Reich der märchenhaften Inszenierung und Stilisierung. Selbstironisch suchte Buthe in seiner Kunst die Künstlichkeit, stets in dem Bewusstsein, dass jedes europäische Orientbild Projektion und Phantasma bleiben muss. Seiner ausufernden Sammel- und Gestaltungslust entsprach eine Vorliebe für raumgreifende Präsentationen, oft in Verbindung mit Performances und Lesungen.

Auf der documenta 5 (1972) als Schöpfer einer Kunst der „individuellen Mythologie“ präsentiert, ist Buthe heute, 15 Jahre nach seinem Tod, selbst zum Geschöpf individueller Mythologien geworden. Freunde und Weggefährten erinnern an die charismatischen Auftritte des „Michel de la Sainte Beauté“, Vertreter einer jüngeren Künstlergeneration verehren ihn als Jongleur mit den Codes von Hochkultur und Trash. So bleibt Buthe als Persönlichkeit gegenwärtig, während sein Werk auf den Bühnen des internationalen Kunstbetriebs erstaunlich wenig präsent ist.

Doch hat die vitale, überschwängliche Kunst von Michael Buthe nichts von ihrer Faszination verloren. Es scheint sogar, dass Buthes Ästhetik der lustvollen Überschreitung angesichts verschärfter politischer und gesellschaftlicher Grenzziehungen – vom „Migrationshintergrund“ bis zum „Clash of Civilizations“ – ihre subversive Kraft heute mit besonderem Nachdruck entfaltet.

Michael Buthe. Der Engel und sein Schatten bietet nun die seltene Gelegenheit, Buthes facettenreiche Kunst kennen zu lernen oder wiederzuentdecken. Die Ausstellung vereint 85 Arbeiten aus privaten Sammlungen, darunter Werke, die erstmals öffentlich gezeigt und im begleitenden Katalogbuch publiziert werden. Der reich illustrierte Band erscheint im Kerber Verlag, Bielefeld/Leipzig (136 Seiten mit 111 farbigen Abbildungen, Deutsch/Englisch, gebunden, Museumsausgabe 27 €).

Der Engel und sein Schatten, 1974 Sammlung FR, Köln
Für Bobby, 1974
Sophie Allet-Coche und Detlef Holtgrewe
La portö del Paradiso, 1977
Privatsammlung Köln
Ohne Titel, 1978
Kirche des Humors, Wiesbaden
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Fotos: F. Rosenstiel, M. Schneider, H. Ziegenfusz
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